Staunen Nr. 3
Verurteilen oder segnen?
geschrieben am 12.06.2012 von Hendrik Heidler, Scheibenberg
Noch bevor der Tag erwacht, ruft mich die erwachende Natur, in sie einzutauchen. Bereits aus dem Bett heraus habe ich das Glück , die Erschaffung des neuen Tages zu erleben. Mit ihren rot-orangene Lichtstrahlen streichelt die Morgensonne wunderschöne Fichten, Eichen und Kiefern direkt vor dem Haus. manchmal huscht ein rotbeköpfter Specht kurz pfeifend vorbei oder ein kräftiger Eichelhäher krächzt sein Freude in die Welt hinaus. Dann stehe ich auf, noch schwer vom Schlaf und tauche, erst langsam in diese atemberaubende Märchenwelt ein. Jeder Millimeter ein Wunder, dass es mir unmöglich ist, mich zu bewegen ohne meinen Fuß darauf zu setzen. Die Natur nimmt's unbekümmert hin, wie mir scheint. Lärmende Stille umhüllt mich, die des brodelnden Lebens. Ein Baum nimmt gern eventuelle Sorgen und kreisende Gedanken zu seiner Nahrung. Ihm ist's egal welche es sind, er nimmt einfach nur die Kraft, aus denen sie bestehen.
Jüngst stand ein Reh auf meinem Weg. Ich wollte es nicht verscheuchen und blieb stehen, wie ich das morgens auch mit jeder Amsel, jedem Eichhörnchen oder jedem Hasen tue. Ich warte ab, bis sie von allein ihres Weges ziehen. Doch das Reh schaute und machte keine Anstalten, mich aus den AUgen zu lassen. Also wurde ich neugierig und näherte mich ihm unendlich sachte. Nichts geschah. Ich wurde mutiger, hoffte, es ließe sich berühren. Da sprang es ohne Eile auf und bellte wie ein Hund. ich musste lachen.
Dann kam ich an ein Grundstück, welches mich schon angstvoll berührte. So recht kann ich nicht sagen wieso. Anfangs war ich aus alter Gewohnheit schnell bei der Hand, über die massiven Sicherheitsmaßnahmen die Nase zu rümpfen. Heute Morgen es ganz anders. Mag es an den märchenhaften Strahlen des Lichtes gelegen haben, die sich durch feuchter Morgenluft tanzten, egal, ich sah Schmerz, der sich hinter der Angst verbirgt und ich tat spontan etwas scheinbar altmodisches, ich segnete das Haus mit seinen Bewohnern. In früheren Zeiten war es ja üblich, andere zu segnen. In manchen Grüßen klingt das nioch nach. Segnen war kein Vorrecht von Priestern und Pfarrern. Väter segneten ihre Kinder, Mütter auch. Freunde segneten sich und auch Fremden wurde der Segen geschenkt.
Schade, wie vergessen dieser heilsame Brauch ist. Er enthebt einen aus der Verurteilung des Anderen, er befreit von Anmaßung und Neid, von Zwang und Unzufriedenheit, er schenkt Liecht dem Gesegneten und gleichzeitig dem Herzen des Segnenden. Egal, ob der Gesegnete je davon erfährt, darauf kommt es nicht an, ganz im Gegenteil. Ein Segen ist ein Geschenk, das der Segnende dem Beschenkten bereitlegt. Der kann es annehmen oder auch nicht. Das ist gut und wichtig. Niemand soll aus eigenen Vorstellungen von heilung, diese dem anderen aufnötigen. Aus meiner Sicht darf nur mit Erlaubnis des Anderen geheilt werden. Aber ein Segen ist ein Geschenk und das ist offen, ist bereitliegende Heilung und es steht immer in der freien Entschedung des Beschenkten, was er damit macht.
Innerlich tief berührt und ein weiteres mal auf diese ganz unspektakuläre Weise erfuhr ich ein bisschen Heilung für mich selbst, in dem ich mich wieder ein bisschen mehr von den alltäglichen Gewohnheiten des Verurteilens wandelnd lösen konnte.
kraftvoll und in mir ruhend trottete ich der Morgensonne entgegen. Längst hatte ich mein T-Shirt ausgezogen, die feuchte Kühle mit so viel wie möglich Haut zu spüren. Das taunasse Gras tat übriges mit meiner Hose, die triefend Nass meine lebendigen Sinne herausforderte.
Erfrischt, quicklebendig und hellwach genoss ich die Heimkehr und das zufriedene Grunzen meines an Mamas Brust saugenden Sohnes.
Verurteilen oder segnen? Die Antwort fällt mir leicht!