Staunen 4

Tanz im Dasein

geschrieben am 10.07.2012 von Hendrik Heidler, Scheibenberg

Ein scharrendes, kratzendes Geräusch richtet meine Aufmerksamkeit auf eine hohe Fichte. Zwei Eichhörnchen fliegen um den Stamm herum. Nach allen Seiten stoben Rindenstückchen davon. "Im Spiel", so denke ich "reinigen sie den Baum." Sieht so der Kampf ums Dasein aus? Mir scheint es meine Entscheidung zu sein, wie sich Leben gestaltet. Ja, ich sehe auch, wie sich Leben von Leben ernährt, wie stolze Vögel die zappelnde Maus entführen. Doch sehe ich einen Kampf oder sehe ich einen Wandel? Tanzen die Eichhörnchen oder jagen sie sich in erbarmungsloser Konkurrenz? 

Eine Knotige Braunwurz, die erzgebirgische "Neinte Nessel" ist verblüht. Noch grüne Samenkapseln zieren die Stängel. An ihr kann ich einfach nicht vorbei gehen, "muss" sie bewundern. Kürzlich ruhten zwei prächtige Schmetterlingsraupen auf ihren Blättern, gut gerundet vom leckeren Mahl. Und wieder fragte ich mich, ob es ein Vernichtungswerk sei oder die Wandlung, die Vielgestaltigkeit des Lebens selbst. Ja, betrachte ich die Pflanzen, Raupen, Eichhörnchen als völlig getrente Wesen, dann kann auch ein einsamer Kampf gesehen werden. Doch erschienen mir die Raupen auf einmal als fliegende Form der fest wurzelnden Pflanze. 
Vielleicht ist es unsere Betrachtung aus unseren gesellschaftlichen Erfahrungen heraus, die uns unser Leiden auf die Natur projezieren lässt. Aber die Raupe nährt sich wandelnd von der sich ihr schenkenden Pflanzen, um endlich ind die Lüfte sich erheben zu können. Die Raupe und die Braunwurz als eine Einheit! So wie die Raupe und der Schmetterling als eine Art erkannt wird. Auch das kann in Frage gestellt werden, und der Schmetterling der, der sich von Raupe ernährt, sie frisst.

Leuchtend Gelb lockt mich der Pilz, so leuchtender noch, als die Schale einer Zitrone. Daneben ein kleines Fichtlein, oben auf das Gehäuse einer Schnecke. So glaubte ich zu sehen. Doch dann erkannte ich, die friedlich schlummernde raupe, geformt wie die Schnecke und doch so weich und menschlich wie ein kleines Baby. Wo ist der Unterschied? – Ich sehe keinen und staune!

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