Staunen 5

Wie Engelchen

geschrieben am 28.08.2012 von Hendrik Heidler

„Sieht wie Engelchen“, meinte Cora, meine jüngste Tochter als ich eine reifes Weidenröschen schüttelte. Die schwerelosen Samen tanzten mit den Strahlen der Sonne eine lustigen Reigen. Und wirklich, die feinen Häarchen schienen wie kleine Flügel den Samen durch die Lüfte zu tragen. 

Zwei Tage später führte mich der Weg an eine Lichtung, die vor Jahren ein heftiger Sturm in den Wald riss. Inzwischen kocht gerado dort das Leben im Überschwang. Vor allem unzählige Weidenröschen heilen die vormalige Wunde und strafen unser modernes Wirtschaftlichkeitsdenken Lügen. Im Gegenlicht der Sonne und von deren Kraft erwärmten Waldboden aufsteigend, schwebten wieder die Engelchen ihren fröhlichen Tanz. Vor dem dunklen Hintergrund hoher Fichten ein bezauberndes Schauspiel das mich fragen ließ: „Was eigentlich die Pflanze als solche ausmacht?“ Gewohnt im modernen Bildungsdenken wahrzunehmen, bin auch ich leicht dazu geneigt, die grünende und blühende Pflanze als die Repräsentantin dieser Art zu nennen. Ich bin es so gewohnt und wohl auch die meisten Menschen des Abendlandes. Die Samen werden nur als Mittel zum Zweck betrachtet. „Doch was“, so fragte ich mich, „wenn der Samen das eigentliche Wesen der Pflanze ist und die grünende, blühende Pflanze ihr Diener?“ Dann fliegt sie fröhlich hoch durch den Himmel und wenn es Zeit ist zum Sterben, legt sie sich in die Erde, mit dem ersten Keimen im Frühjahr ihren Tod zu vollenden. Erst wenn der Samen stirbt, kann ein Keimling zum Leben erwachen ... bis er dereinst wieder unzähligen Engelchen das Leben schenkt.

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