Staunen 6

Licht des Lebens

geschrieben am 07.01.2013 von Hendrik Heidler, Scheibenberg

Da wackelt er, der kleine Mann auf seinen achtmonatigen Beinchen, aber von aufgeben keine Spur. Selbst wenn die Beinchen zu schmerzen scheinen – was sich in klagendem Ningeln zeigt – will er weiter seine Füßchen gebrauchen. Fest an meinen Fingern sich halten, bestimmt der Kleine selbst, wohin der will. Was mag das für eine Wandlung sein, innerhalb weniger Tage eine gänzlich neue Möglichkeit eigener Welterkundung sein eigen zu nennen? Mir scheint, wir können es uns kaum vorstellen, haben selbst auch keine bewussten Erinnerungen daran. 

Gerade noch liegend, völlig von anderen abhängig, öffnen sich auf einmal ungeahnte Räume. Was mag so ein kleines Wunderwesen treiben, mit einer solchen Leidenschaft auf seine Beine zu kommen? Es kannte ja vorher nichts anderes als Liegen. Man könnte ja meinen, es dächte sich, dass genau so die Welt ist: „Ich liege und wenn ich was brauche, dann kommt ja immer jemand. Also was soll ich daran etwas ändern?“ Und doch drängt ihn eine Hingabe, eine Leidenschaft aufzustehen und zu schauen, schauen und schauen.

Staunend wackelt er durch die Stube, schaut mit Adleraugen in jede Ecke, entdeckt in schmaler Ritze eines Schranks ein gesuchtes Kuchenblech und lässt auch schon mal in seiner staunenden, atemlosen Begeisterung seine Hände los, weil er die Welt nicht nur erschauen sondern auch ergreifen will. Geht es mal nicht mit den Händen, weil er doch daran denkt, sich zu halten, dann macht es eben der Mund. Damit lässt sich halt auch alles „anfassen“.

Ja, ich staune und bin manchmal auch erschüttert, wenn ich daran denke, wie sehr wir Erwachsenen ach so vieles einfach als naturgegeben und damit unabänderlich hinnehmen. Es gar nicht erst versuchen, etwas zu entdecken, begreifen und begehen, weil wir meinen zu wissen wie es ist, weil es uns seit langem begegnet. Wir sind gewohnt daran und leugnen häufig jede Möglichkeit grundlegender Veränderung. Und dann kommt so ein kleines Kind daher und schenkt einem das Staunen.
Auch so ein kleines Kind ist gewohnt an die Schwangerschaft, an das Liegen und Getragen werden und doch lässt es sein Feuer zu, es auf die Beine zu bringen. Er geht in das unbekannte Land des Lebens hinein, egal wie viele Beulen und Stürze es bringen mag.

Wann nur geschah es, dass wir Großen soviel Vorbehalte gegen das unbekannte Leben aufbauten, dass wir mitunter lieber leiden oder gar sterben, anstatt für das Aufstehen uns auch einmal eine Beule hohlen?

Das Licht des Lebens ist auch ein hinziehendes Staunen auf das unendlich vielfältige Leben.

Danke, mein Kind, für dieses Geschenk es mir mir wieder einmal zu erinnern.

Kommentare