Staunen 9 – Elementarkraft Liebe
Schauen und staunen
geschrieben am 08.09.2014 von Hendrik Heidler, Scheibenberg
Nebelschwaden ziehen zwischen den hohen Fichten dahin. Es ist mild, dampfend, "Schwammewatter", wie es hier im Erzgebirge heißt.
Nur wenige Meter entfernt schälen sich die Konturen steinerner Riesen aus dem Nebel hervor, zeigen dem schauenden Betrachter unzählige Formen, die sich bei etwas Geduld bald als Gesichter, bald als Tiere oder mancherlei Fabelwesen zeigen.
Bis auf das fröhliche Labern meines kleinen Sohnes ist es nahezu still. Nur hin und wider raschelt da ein Vogel im Laub, klopfen manche Tropfen leis zu Boden.
Der Kleine stößt entzückt einen Freudenschrei aus. So vieles ist neu für ihn und ich frage mich, wie es sein mag, Tag für Tag auf unvertraute "Wunder" dieser reichen Welt zu stoßen. Was mag in ihm vor gehen, wenn er nie gesehene Tiere, mächtige Steine oder die in ihren Formen so vielfältigen Pilze sieht? Ich weiß es nicht (mehr), wie das bei mir war, damal, in diesem Alter der Entdeckungen. Doch ahne ich, spüre diese unbändige Lust, die arglose Freude und auch ein Wissen, welches so schnell, allzu schnell verloren scheint.
Schon kniet er nieder, vor zwei kleinen Pilzen und kaut. Staunend darüber, was er macht, beobachte ich angehaltenen Atems.
Unversehens holt er sich zerkaute Blätter des kurz vorher genaschten Waldsauerklees aus seinem Mund, genau zwei kleine grüne Päckchen und legt sehr liebevoll vor jedem Pilz eines hin. zuerst verstehe ich sein Tun nicht, aber als er in seiner so ausdrucksstarken Körpersprache mir zeigt, er füttere sie, bin ich baff. Der kleine Junge sieht die Welt so wie sie ist, lebendig, und schenkt zwei solch unscheinbaren Mitgeschöpfen von seinem eigenen Essen.
Keiner hat es ihm gezeigt, er hat die Pilze als Leben gesehen, weil er mit dem Herzen schaut.
Ich staune!