Der Feind aus der Tiefe oder in Achtung zu begegnenden Kräften? – fotografiert von Hendrik Heidler

Der verleumdete Bluthochdruck

Aus Gewohnheit krank

geschrieben am 17.08.2017 von Hendrik Heidler, Scheibenberg

Von Hendrik Heidler©

Manchmal frage ich mich, wo eigentlich all die geheilten Menschen sind, in Anbetracht der unzähligen Therapieangebote, Heilsysteme und Gesundheitsmethoden in einschlägigen Publikationen. Ganzheitlichkeit, eigene Erweckungserlebnisse und himmlische Auserwähltheit lassen angeblich das Heilen zu einem heiteren Spaziergang werden. Nur, die Spaziergänger fehlen. Was also ist los? Täuscht mich meine Wahrnehmung oder liegt ein tieferer Grund vor, der eine gesunde Menschheit bisher nicht nur verhinderte, sondern offensichtlich die Zunahme von Leiden noch erhöht?
Vielleicht beides. Doch scheint mir der Knackpunkt im allgemeinem Rahmen und in den völlig unreflektiert hingenommen Selbstverständlichkeiten der heutigen Daseinsweise zu liegen. Und hier hat das Dilemma längst begonnen, weil nicht einmal die allgemein anerkannten Vorstellungen von dem, was Krankheit bzw. Gesundheit ist, irgendwie in Übereinstimmung mit uns zu bringen sind. Um wieviel mehr Verwirrung sorgen dabei noch die unzähligen, so genannten alternativen Angebote, von denen sowieso jeder Anbieter glaubt, er habe die absolute Weisheit gefunden. Aber kann es die überhaupt in diesem Sinne geben? Offenbart sich hierbei nicht vielmehr  eine der tiefen, wenn auch oft oberflächlich geleugneten Wesensgleichheit von Schulmedizin und Alternativen, mit einer Tablette bzw. einer Methode, alle Menschen gleichermaßen behandeln zu können? Macht es nicht viel mehr Sinn, alle Methoden als hilfreiche Werkzeuge anzusehen, aber davon auszugehen, dass jeder Mensch letztlich seine eigene „Methode“ ist – siehe Selbstheilungskräfte? Ein Gedanke, fußend auf der Ansicht, dass wir KEINE Krankheit haben, sondern individuell einzigartig erkrankt sind! Es demnach nie wirklich zwei gleiche Krankheiten geben kann. Zu gut Deutsch: Alle Methoden sind scheiß egal, weil sie immer von jemand anderem kommen und damit niemals wirklich auf den Heilungssuchenden übertragen werden können. Nur der Heilungssuchende selbst kann auf Grund der niemals völlig abschaffbaren Einzigartigkeit jedes Einzelnem seine eigene Heilung(smethode) kennen, erlauben und leben. Heiler  sind daher „nur“ jene, die das beachten und als Erinnerer, Spiegel, Energiewandler usw. die Selbstheilungskräfte des Kranken freilegen, befördern und bestärken. Mehr nicht.
Doch scheint es meist allgemeiner Konsens zu sein, dass nach Krankheitsbegriffen behandelt wird und nicht der Erkrankte in seinem individuell-charakteristischen Ausdruck. Wobei ich Ähnlichkeiten keinesfalls in Frage stelle.
Freilich, die Homöopathie  geht grundlegend von der Einzigartigkeit jedes menschen und daher von seinem Kranksein aus. Doch wird letztlich auch ihren kleinen, weißen Kügelchen allein eine solche Macht zugetraut, das unendlich komplexe Schöpferwesen Mensch wieder ins Lot bringen zu können. Und das beispielsweise ganz unabhängig von den gesellschaftlichem Ursachen der Erkrankungen. Auf diese Weise wird das Wiederauftreten von gleichen Leiden entweder als Rückfall oder noch ausstehender Heilung betrachtet. Es findest sich jedoch meistens kein Verständnis dafür, dass dieses, so sehr gleich aussehende Leiden womöglich auf Grund gleich gebliebener, gesellschaftlicher Bedingungen durchaus eine Neuschöpfung sein könnte.
Nehmen wir als Beispiel den Bluthochdruck, bei dem keine umfassende Darstellung angestrebt wird, noch der Sache dienlich wäre.
Ohne auch nur ansatzweise über dessen Entstehungsgeschichte im wirklich ganzheitlichen Sinne (individuelle und gesellschaftliche Gründe) nachzudenken oder gar ein Gefühl für dessen Auftreten zu entwickeln, wird häufig und nicht nur von schulmedizinischer Seite davon ausgegangen, dass er ein zu bekämpfendes Übel sei und demzufolge heruntergedrückt und der Blutdruck nach Standardwerten „eingestellt“ werden müsse. Klar, unser Herz-Kreislauf-System als mechanisches Rohrleitungs- und Pumpsystem zu betrachten, kann kaum zu einer sinnvollen Behandlungsweise führen. Dem menschlichen Wesen wird eine eigene Heilintelligenz abgesprochen. Aber was ist, wenn der gesteigerte Blutdruck kein zu bekämpfender Gegner ist, sondern tatsächlich eine Heilreaktion, die im Alltag aus Gewohnheit immer wieder abgebrochen, gestört und unterdrückt wird? Weil es viele gesellschaftliche Erkrankungsursachen einer angeblich wunderbar freiheitlichen Wirtschafts- und Lebensweise nicht geben darf, müssen andere Schuldige erfunden werden. Eine Projektionsleistung, wie z. B. auch in Sachen Flüchtlinge. Ähnlich, wie Erkrankungen als böswillige Feinde „empfunden“ werden, seien auch Flüchtlinge am gestörten Gang des Alltags schuld.
Aber was wird, wenn die Steigerung des Bluthochdrucks als Heilreaktion nicht zum Erfolg führen kann, weil sie aus Gewohnheit medikamentös auf halben Wege stecken bleib? Eben weil die falschen Fragen gestellt werden oder gar keine, eben weil eine Heilreaktion bekämpft wird, eben, weil die gesellschaftlichen und damit individuellen Gründe für die Blutdrucksteigerung als Heilvorgang unverstanden bleiben?
Betrachten wir dahingehend den unbedingt zu stillenden Bedarf jeder Körperzelle an Sauerstoff. Dieser wird über das Blut transportiert. Gelangt, aus welchen Gründen auch immer, zu wenig davon in die Zellen, kann es sein, der Blutdruck steigt, damit dieses Defizit ausgeglichen wird.
Oder. Die Nieren schaffen es bei normalem Blutdruck nicht mehr die entsprechend notwendige Harnmenge aus dem Blut abzupressen und über Harnleiter, -blase und -röhren los zu werden. Was kann die Folge sein? Der Blutdruck steigt, um den Nieren das entsprechende Filtern zu ermöglichen.
Allein diese wenigen Bemerkungen lassen leicht verstehen, was geschieht, wenn der Blutdruck, OHNE Beachtung der tatsächlichen Gründe für die festgestellte Steigerung, mit brutalen Mitteln heruntergedrückt wird. Zellen können „Atemnot“ bekommen, genau wie der an Sauerstoffmangel leidende Mensch. Sie können darben oder gar sterben bzw. wegen verminderter Nierenleistung das Blut nach und nach mit eigentlich herauszuschaffenden, harnpflichtigen Stoffen vergiften.
Selbstverständlich kann es sinnvoll sein, hohen Blutdruck zu senken, beispielsweise wenn er unmittelbare Gefahr für Leib und Leben mit sich bringt. Darum geht es hier aber nicht. Trotzdem ist auch hierbei die Frage sinnvoll weshalb es soweit kommen musste, dass eine so genannte Blutdruckkrise entstanden ist.
Doch auch ganz andere Gründe für gesteigerten Blutdruck können vorliegen, die noch deutlicher auf gesellschaftliche Gewohnheiten Rückschlüsse zulassen. Anhaltender Druck im Büro oder an Montagearbeitsplätzen, Zeitdruck vom Chef, selbstgemachter Druck bei Konsum und Fitnesstraining oder Dauertechnische Messung der Körperprozesse in Krankenhäusern erfordert natürlich die umgehende Erhöhung des Blutdrucks, um die nötige Energie für die Aufgaben zur Verfügung zu stellen. Nach vollzogener Aufgabe sinkt er wieder. Entwickeln sich diese Anforderungen jedoch zu Dauerumständen kann es vorkommen, dass sich der Blutdruck, salopp gesagt, dafür entscheidet, dauerhaft hoch zu bleiben, weil es mühseliger wäre, andauernd rauf und runter zu gehen. Und irgendwann, selbst wenn die Anforderungen längst nicht mehr bestehen, bleibt er womöglich aus Gewohnheit gleich andauernd hoch.
Weitere Beispiele ließen sich finden, wie beispielsweise die erwähnte Blutdrucksteigerung durch Beobachtung. Andauerndes Messen als vermeintlich notwendige Kontrolle der Körperwerte ist eine äußerliche Anforderung, die nicht nur zu Dauerstress und damit zu Bluthochdruck führen kann, sondern auch Rückschlüsse zulässt, wie wenig dem eigenen Empfinden noch getraut wird. Von Gründen aus Ernährung, Medikamenten und Suchtmittelkonsum brauche ich wohl nicht extra zu schreiben.
Doch die Gewohnheiten dieser blutdrucksteigernden Daseinsweise sind derart verinnerlicht, dass es nicht nur kaum möglich ist, dafür Verständnis zu finden. Ganz im Gegenteil, die rein symptomatische Behandlung des Bluthochdrucks OHNE Ursachenbeseitigung hat durchaus auch Vorteile. Damit kann das eigene Gewissen beruhigt werden: „Ich tue doch was!“ Auch wird ermöglicht, vermeintlich unberührt von einer gesundheitsfeindlichen Lebensweise weitestgehend so weiter machen zu können, ohne sich über Sinn bzw. Unsinn derselben Gedanken machen zu müssen. In diesem Sinne dient die Symptombehandlung als Möglichkeit, anstehende Veränderungen machtvoll zu blockieren.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Erkrankungen sich durchaus infolge alltäglicher, erstaunlich unauffälliger und wenig dramatischer Gewohnheiten unter allgemein üblichen, gesellschaftlich als unabänderlich geltenden Rahmenbedingungen einstellen können. Aber das muss nicht unbedingt sein, was jedoch die bewusste Entscheidung voraussetzt, hinter die Symptome zu schauen, also Selbstkritik und Gesellschaftskritik zu üben, um Freiräume für Gesundheit und Heilung zu finden.
Wer glaubt, mit Behandlungsdruck seinen Blutdruck heilen zu können, macht sich etwas vor bzw. lässt sich von so genannten Spezialisten etwas vormachen. Der Druck von Chefs (und wenn es der eigene, innere ist) kann nicht durch ärztlichen Druck beseitigt werden, dazu braucht es die Absicht, sich dem Leben wieder zuzuwenden und seinen Wirkprozessen wieder Raum zu geben. Und dazu gehört nicht zuletzt nützlichkeitsfreie Muße.

Hendrik Heidler©, Scheibenberg, am 17.August 2017

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